Bürgerbeteiligung im Wandel - Wohin entwickelt sich die Bürgergesellschaft?

23.07.2013

Prof. Möhring-Hesse, Tübingen, diskutiert im Gespräch Kirche & Politik die These der "Postdemokratie" mit Vertretern der Politik aus dem Landkreis.

Die evangelischen Dekanate und das katholische Dekanat im Landkreis LB luden am 19.07.2013 zum Gespräch Kirche & Politik zum Thema "Bürgerbeteiligung im Wandel" ein.

Prof. Matthias Möhring-Hesse, Professor für Theol. Ethik/Sozialethik an der Eberhard-Karl-Universität Tübingen, stellte zu Beginn seines Impuslreferates eine grundsätzliche Begriffsbestimmung der "Bürgergesellschaft" voraus, die bezugnehmend auf die französische Aufklärung und die hegelsche Staatsphilosophie unterschiedliche Vorstellungen von "Bürger" vertritt. Möhring-Hesse versteht unter einer Bürgergesellschaft eine Gesellschaft, die bewohnt wird von aktiven Menschen, die in der Lage sind, ihre Beziehungen zu strukturieren und zu steuern. Bürger wird man, indem man sich als Bürger konstituieren kann, indem man seine Interessen in wechselseitigen Anerkennungsprozessen einbringt und behauptet. Eine Bürgergesellschaft trachtet im eigenen Interesse danach, dass alle Bürger sein und bleiben können.

Doch diesen Typus einer  Bürgergesellschaft sieht Möhring-Hesse gefährdet. Er bezieht seine Analysen auf die These der "Postdemokratie" des britischen Soziologen Colin Crouch:

Zwar bestehen in den westlichen Gesellschaften die demokratischen Institutionen fort, zugleich nimmt aber die demokratische Partizipation und die Steuerung der Gesellschaften von unten ab, die über diese Institutionen eigentlich sichergestellt werden sollen. Möhring-Hesse beschrieb anhand der Begriffe "Inputsteuerung" und "Outputsteuerung" die Umkehr gesellschaftlicher Steuerungsprozesse. Von der Inputsteuerung, bei der die Bürger den politischen Akteuren die grundlegenden Richtungen vorgeben, beobachtet Crouch einen Wandel zur Outputsteuerung, bei dem die politischen Akteure den Bürgern ihre Entscheidungen als "alternativlos" nahebringen.

Colin Crouchs postdemokratische »Befürchtungen« hinsichtlich Beteiligung und
Partizipation beziehen sich insbesondere auf eine Verengung demokratischer Räume, eine abnehmende politische Partizipation, auf das Ausbreiten von Apathie und Enttäuschung sowie die zunehmende Rolle eines bürgerschaftlichen Engagements als »Lückenbüßer« eines sich zurückziehenden Staates. Gleichzeitig schreibt er der aktiven Bürgerschaft und einer unabhängigen Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle in der Wiederbelebung demokratischer Verhältnisse zu.

Im anschließenden Gespräch wurde kontrovers und engagiert diskutiert. Die Kritik der Postdemokratie provzierte einige Politiker und Kirchenvertreter zum Einspruch. Das Anliegen der Dekanate, Politik und Kirche zu einem aktuellen Thema durch einen fachlichen Impuls miteinander ins Gespräch zu bringen ist sehr gut gelungen und wird im kommenden Jahr fortgeführt werden.

Link zum Weiterlesen (Literatur)

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