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Rückblick: „Der Krieg in mir“

Online-Seminar mit dem Autor und Dokumentarfilmer Sebastian Heinzel Bericht von Gabriele Pennekamp

Am 16. und 23. Juni fand - in Kooperation mit Scala TV -  ein Online-Seminar der Akademie am Vormittag der keb Katholische Erwachsenenbildung Kreis Ludwigsburg e.V. mit Sebastian Heinzel statt. Er war von zu Hause aus zugeschaltet, während Jörg Maihoff, der Leiter der keb und ich im „Studio“ bei Scala TV auf der Bühne saßen. Das Gespräch mit Sebastian Heinzel habe ich geführt, während immer wieder Szenen aus seinem Film eingespielt wurden, die seine Erzählungen noch anschaulicher gemacht haben. Jörg Maihoff hatte den Chatverlauf im Blick, der sehr intensiv genutzt wurde. Wir hatten Teilnehmer*innen aus Schottland, der Schweiz, aus München, Hamburg, Tübingen und selbstredend auch aus Ludwigsburg. In der letzten halben Stunde blieb genügend Zeit, um auf die Fragen der Teilnehmer*innen einzugehen, beide Male gab es eine sehr intensive Diskussion.

Am 4. März fand im „Caligari“ die Kinopremiere seines Filmes „Der Krieg in mir“ statt. Ich hatte das Glück dabei zu sein und habe bei der Gelegenheit erfahren, dass er zum Film auch ein Buch gleichen Titels veröffentlicht hat. Kurz darauf kam der Shutdown, so dass sein Film nicht weiter in den Kinos gezeigt werden konnte.

Sebastian Heinzel hat seit Mitte seiner 20iger Jahre sehr häufig vom Krieg geträumt: Er befindet sich auf einem Panzer und feuert wild um sich, bis er irgendwann in einem Wald verschwindet. Dieser Traum wiederholte sich häufig, so dass er der Sache auf den Grund ging. Er hat sich mit Psychologen, Autoren, Wissenschaftlern getroffen, um nur einige zu nennen: Dr. Peter A. Levine, Sabine Bode, Verena Kast und vor allem der Professorin Dr. Isabelle Mansuy vom Institut für Hirnforschung an der TH Zürich. Sie arbeitet am neurowissenschaftlichen Forschungszentrum in diesem Bereich, der Epigenetik. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass Traumata durch Krieg, Flucht oder Vertreibung genetisch bis in die zweite und dritte Generation weitervererbt werden. Es  zeigen sich Veränderungen auf der DNA, wie u.a. Dr. Isabelle Mansuy nachweisen konnte.

Beide Großväter von Sebastian Heinzel waren im Krieg in Russland, sein Großvater mütterlicherseits, Fritz, der schon mit 17 Jahren eingezogen wurde, hatte ihm vom Krieg einiges erzählt, während sein Großvater, Heinz, diesen Einsatz bis zu seinem Tod mit keinem Wort erwähnt hat. Nach dem Krieg und auch später war es üblich, über diese Zeit zu schweigen.

Als Sebastian Heinzel erfahren hatte, dass Traumata genetisch weitervererbt werden, dass die extremen Stresssituationen, die sein Großvater erlebt hatte, sein Erbgut verändert haben und damit auch Auswirkungen auf ihn und seine Familie hatten, folgt er, gemeinsam mit seinem Vater, dem Weg, den sein Großvater von Deutschland nach Weißrussland/Belarus ging. Er begibt sich auf Spurensuche nach ihm und entdeckt dabei erstaunliche Verbindungen zu seiner eigenen Geschichte und den Kriegsträumen, die ihn seit Jahren verfolgen.

Zunächst mussten sie herausfinden, wo er mit seiner Einheit war, an welchen Orten die Kriegseinsätze stattfanden, wo er verwundet wurde. Dazu haben beide im Militärarchiv des Bundes in Freiburg recherchiert: „Ich wollte genauer wissen, was mein Großvater im Krieg erlebt hatte.“

In Weißrussland sind sie auf einige Zeitzeugen getroffen, die sich noch an die damalige Zeit erinnern konnten und erschütternde Einzelheiten berichteten, u.a. dass viele Dörfer von den Deutschen zerstört und dem Erdboden gleichgemacht wurden, insgesamt waren es weit über sechshundert. Deshalb konnten beide das Dorf, in dem der Großvater verletzt wurde, nicht mehr finden. Nur ein paar Steine und Reste einer Straße erinnerten daran, dass dort das Dorf stand. Man muss dazu wissen, dass Belarus am stärksten unter dem Krieg gelitten hat. Die Begegnung mit den wenigen Zeitzeugen war berührend und zugleich erschreckend durch ihre Erzählungen, wie damals die Soldaten vorgegangen waren: „Das waren für uns beide sehr berührende Momente.“ Die Frage lag für beide sehr nahe, war der Großvater Täter oder Opfer? Sebastian Heinzel beantwortet diese Frage heute mit „Sowohl als auch. Heinz war damals zwanzig Jahre alt, einerseits war er also Opfer, aber vielleicht auch Täter?“

Verblüffend in seinem Film sind die Szenen im Freilichtmuseum „Stalin Line“, das von vielen Menschen, sogar Familien mit Kindern, gern besucht wird. Dort finden groß angelegte Reinszenierungen von Schlachten aus dem 1. und 2. Weltkrieg - dem Großen Vaterländischen Krieg - statt. Es gibt dort Panzer, MGs, Militärfahrzeuge, Explosionen, … für unsere Begriffe unvorstellbar. 

 In Weißrussland geht man vollkommen anders mit dem Krieg um als bei uns. Sie sind die Sieger und feiern besonders am 9. Mai, dem Tag der Befreiung, den Sieg über Nazi-Deutschland. Sebastian Heinzel war genau an diesem Tag der großen Feierlichkeiten dort. Vor tausenden von Zuschauern wurde die Schlacht um Berlin nachgestellt und er in einer Wehrmachtsuniform, als einzi-ger Deutscher, war mittendrin, sogar als Befehlshaber der Deutschen Einheit. Er hatte sich entschieden, wie sein Großvater „verwundet“ zu werden, um ihm nahezukommen. Als die Aufführung der Schlacht zu Ende war und alle die siegreichen russischen Soldaten feierten, fühlte sich Sebastian Heinzel, wie er uns erzählte „dazugehörig“. Überall, wo er auf Menschen getroffen war, selbst solche, die die Zeit unter den Deutschen noch miterlebt hatten, begegnete er freundlichen und hilfsbereiten Menschen. Er hält es für sehr wichtig, mit den Menschen im Osten in Kontakt zu kommen.

Bevor Sebastian Heinzel überhaupt wusste, wo sein Großvater im Krieg war, ist er schon viele Jahre zuvor immer mal wieder in Weißrussland gewesen und hatte dort Filme gedreht, manchmal sogar an Orten, an denen auch der Großvater gewesen war. Eine eigenartige Verbindung, die ihm erst später bewusst wurde.

Auffallend an diesem Film ist, der eine sehr persönliche Geschichte erzählt, wie hochreflektiert Sebastian Heinzel dieses Projekt angegangen ist und sich dieser Spurensuche, gemeinsam mit seinem Vater, gestellt hat. Es gibt in diesem Film einige sehr schöne Szenen mit ihm. Heute sagt er, dass er sich eigentlich auf die Suche nach seinem Großvater gemacht hat und stattdessen seinem Vater sehr nahegekommen ist und damit das Schweigen gebrochen hat, das auch seinen Vater prägte. Dieses Filmprojekt, an dem er sechs Jahre lang gearbeitet hat, hat ihn persönlich grundlegend verändert, sagt er, es hat ihn weitergebracht. Er hat sich mit der Geschichte versöhnt und mit seinen Träumen, die er zwar hin und wieder noch hat, kann er jetzt viel besser umgehen.

Seiner Auffassung nach ist es wichtig, sich der eigenen Familiengeschichte zu stellen, um Versöhnung und Heilung zwischen den Generationen zu ermöglichen, zudem gibt es Impulse und Anregungen für eine andere Betrachtung der eigenen Biographie. Der Film ermutigt, das Schweigen zu brechen und zeigt, wie sich Knoten in der eigenen Familiengeschichte lösen lassen und Veränderungen Raum geben.

Gabriele Pennekamp